Selbst-Bewusstsein: Nicht was du wert bist, sondern wie du tickst
Du reagierst auf eine Bemerkung schärfer, als die Situation es eigentlich verlangt hätte.
Später fragst du dich, warum. Die Bemerkung war doch gar nicht so schlimm. Trotzdem hat etwas in dir sofort reagiert, bevor du überhaupt nachdenken konntest. Ein bekanntes Muster, das sich meldet, ohne dass du es eingeladen hättest.
Diese Woche geht es bei uns um genau das: Selbst-Bewusstsein. Nicht im Sinne von Selbstbewusstsein als Gefühl, stark oder wertvoll zu sein, sondern im ursprünglichen Sinne des Wortes: Sich seiner selbst bewusst zu sein, deiner eigenen Muster und deiner eigenen Denkgewohnheiten. Also dessen, wie du eigentlich tickst.
Zwei Wörter, die im Alltag verschmelzen
In unserem Sprachgebrauch werden Selbstbewusstsein und Selbstwert oft wie Synonyme verwendet. Jemand, der auftritt, der Präsenz zeigt, der sich nicht klein macht, gilt als selbstbewusst.
Das ist aber nur eine Bedeutung des Wortes und eigentlich nicht die ursprüngliche.
Selbst-Bewusstsein bedeutet zunächst nur, dass man sich seiner selbst bewusst ist. Zu wissen, wie du in bestimmten Situationen reagierst, zu erkennen, welche Gedanken sich in bestimmten Momenten automatisch einstellen und zu verstehen, welche Muster in dir ablaufen, meistens ohne dass du sie bewusst ausgewählt hättest.
Diese Form von Bewusstsein hat erst einmal nichts damit zu tun, ob du dich für wertvoll oder liebenswert hältst. Du kannst sehr genau wissen, wie du tickst und trotzdem an manchen Tagen an dir zweifeln. Du kannst ein starkes Gefühl für deinen eigenen Wert haben, ohne dass dir dabei besonders bewusst wäre, welche Muster dein Verhalten tatsächlich steuern.
Warum Muster meistens unsichtbar bleiben
Ein Muster funktioniert genau deshalb so zuverlässig, weil es sich nicht meldet. Es läuft im Hintergrund, wie ein Programm, das startet, ohne dass du es aktiv anklickst.
Die harsche Reaktion auf eine harmlose Bemerkung, der Impuls, dich sofort zu entschuldigen, auch wenn du gar nichts falsch gemacht hast. Das Bedürfnis, jede Situation im Voraus zu kontrollieren, aus Angst, dass sonst etwas schiefgeht oder auch der Rückzug, sobald es in einem Gespräch unangenehm wird.
Diese Reaktionen fühlen sich im Moment nicht wie ein Muster an. Sie fühlen sich an wie die einzig mögliche richtige Reaktion auf die Situation. Das ist genau der Grund, warum Muster so schwer zu erkennen sind. Sie tarnen sich als Persönlichkeit, als Charaktereigenschaft, als das, was du einfach bist.
Tatsächlich sind viele dieser Reaktionen gelernt. Irgendwann, oft schon sehr früh, haben sie einmal einen Sinn ergeben. Als ein Schutz oder eine Strategie, einfach ein Weg, mit einer bestimmten Situation (schnell) zurechtzukommen. Mit der Zeit ist daraus ein automatischer Ablauf geworden, der auch dann noch abläuft, wenn die ursprüngliche Situation längst vorbei ist.
Was es bedeutet, sich selbst zu beobachten
Selbst-Bewusstsein im ursprünglichen Sinn bedeutet, einen Schritt zurückzutreten und dich selbst wie von außen zu betrachten und zu beobachten.
Das klingt einfacher, als es ist. Denn genau in dem Moment, in dem ein Muster ausgelöst wird, bist du meistens am wenigsten in der Lage, es zu beobachten. Der Ärger ist bereits da, die Reaktion läuft schon, bevor der beobachtende Teil von dir überhaupt aufwacht.
Deshalb findet die eigentliche Arbeit oft im Nachhinein statt. Nach einer Situation, in Ruhe, mit etwas Abstand. Was ist da gerade passiert? Was habe ich gefühlt, bevor ich reagiert habe? Gab es einen Auslöser, der größer wirkte, als er eigentlich war? Also das Reflektieren dieser Situation.
Mit der Zeit verschiebt sich dieser Moment der Beobachtung immer weiter nach vorne. Erst bemerkst du ein Muster erst am nächsten Tag, dann eine Stunde später. Irgendwann bemerkst du es in dem Moment, in dem es passiert, manchmal sogar kurz bevor es vollständig ausgelöst wird. Genau in diesem kurzen Moment entsteht eine echte Wahl, die vorher nicht da war.
Der Unterschied zwischen Erkennen und Verändern
Ein wichtiger Punkt vorweg: Ein Muster zu erkennen bedeutet nicht automatisch, es sofort zu verändern.
Viele, die zu uns kommen, erwarten von sich selbst, dass ein erkanntes Muster ab sofort verschwindet. Wenn das nicht passiert, folgt oft Enttäuschung oder sogar Selbstkritik. Warum reagiere ich immer noch so, obwohl ich es doch jetzt weiß?
Muster verändern sich selten durch reines Wissen darüber. Sie haben sich über Jahre eingeschlichen und aufgebaut, oft sogar über Jahrzehnte. Das Erkennen ist der erste und notwendige Schritt, aber nicht der letzte. Zwischen dem Bemerken eines Musters und einer tatsächlichen Veränderung liegt meist eine lange Phase, in der sich beides abwechselt: Das alte, automatische Verhalten und der neue, bewusste Blick darauf.
Das ist der ganznormale Verlauf, wenn sich etwas verändert, das sich lange eingeprägt hat.
Deine Denkgewohnheiten sind nicht die unbedingt die Wahrheit
Ein weiterer wichtiger Aspekt von Selbst-Bewusstsein ist zu erkennen, dass ein Gedanke, der sich automatisch einstellt, nicht automatisch stimmt.
Manche Denkgewohnheiten wiederholen sich so oft, dass sie sich wie feststehende Tatsachen anfühlen.
„Das schaffe ich sowieso nicht.“
„Andere haben das leichter als ich.“
„Ich darf mir keine Fehler erlauben.“
Diese Sätze fühlen sich vertraut an, fast wie eine innere Wahrheit, obwohl sie oft nur ein häufig wiederholtes Muster sind, keine objektive Selbstverständlichkeit.
Sich dieser Denkgewohnheiten bewusst zu werden, verändert die Beziehung zu ihnen. Ein Gedanke, den du erkennst als „das ist mein bekanntes Muster, das gerade wieder auftaucht“, hat eine andere Wirkung als ein Gedanke, den du unbewusst für die absolute Wahrheit hältst.
Wie sich Selbst-Bewusstsein üben lässt
Ein einfacher Einstieg ist die kurze Reflexion am Ende des Tages. Gab es eine Situation, in der du stärker reagiert hast, als es die Situation eigentlich verlangt hätte? Was ist davor passiert? Welcher Gedanke stand direkt vor dem Gefühl?
Eine weitere Übung ist die bewusste Pause bei starken Reaktionen, um einen kurzen Moment zu schaffen, in dem du dich fragen kannst: Ist das jetzt die Situation, oder ist das mein bekanntes Muster?
Auch der Körper liefert wertvolle Hinweise. Viele Muster kündigen sich körperlich an, bevor sie im Kopf bewusst werden. Die Zunge klebt am Gaumen, dein Zähne sind aufeinandergepresst, die Schultern sind angespannt oder dein Atem ist viel zu flach. Wer lernt, diese körperlichen Signale zu bemerken, gewinnt oft wertvolle Zeit, bevor ein Muster vollständig übernimmt.
Wo Selbst-Bewusstsein in unseren Kursen Raum findet
Bei Wir atmen mit Norman entsteht durch bewusste Atemarbeit oft genau dieser Raum, in dem Muster sichtbar werden, die im Alltag sonst untergehen. In der Stille nach einer Atemübung zeigt sich häufig sehr klar, welche Gedanken und Reaktionen sich gerade wiederholt haben.
InnerGlow mit Tanja bietet Raum für genau diese Art der inneren Beobachtung, fernab vom Tempo des Alltags, in dem Muster meist unbemerkt bleiben.
Auf der Matte bei SoulFlow oder Mind|Body|Pilates zeigt sich vieles auch körperlich. Wo hältst du automatisch die Luft an? Wo spannst du dich an, obwohl es nicht nötig wäre? Der Körper macht Muster oft sichtbarer, als der Kopf es allein könnte.
Und in der Einzelbegleitung bei Kathi gibt es den geschützten Rahmen, um einzelne Muster gezielt und in Ruhe zu betrachten, individuell und ohne Zeitdruck.
Selbst-Bewusstsein ist ein fortlaufender Prozess
Es gibt keinen Punkt, an dem du fertig bist mit dem Erkennen deiner eigenen Muster. Immer wieder tauchen neue Situationen auf, die etwas Neues zeigen. Immer wieder gibt es Momente, in denen ein altes Muster zurückkehrt, obwohl du dachtest, es längst verstanden zu haben.
Das ist kein Rückschritt. Es ist Teil des Prozesses, sich selbst über die Zeit immer besser kennenzulernen.
Du musst nicht alle deine Muster auf einmal verändern. Es reicht, immer wieder genauer hinzuschauen, was in dir gerade abläuft, und dir selbst mit dieser Beobachtung ein Stück näherzukommen.
Häufige Fragen zu Selbst-Bewusstsein
Ist Selbst-Bewusstsein das Gleiche wie Selbstbewusstsein im Sinne von Selbstsicherheit?
Nein. Selbst-Bewusstsein im ursprünglichen Sinn meint das Wissen um die eigenen Muster und Denkgewohnheiten. Selbstsicherheit beschreibt eher ein Gefühl des eigenen Werts. Beides aber kann unabhängig voneinander vorhanden sein.
Warum fällt es so schwer, eigene Muster zu erkennen?
Muster laufen meist automatisch ab und fühlen sich im Moment wie die einzig richtige Reaktion an. Erst mit etwas Abstand wird sichtbar, dass es sich um ein wiederkehrendes Verhalten handelt.
Reicht es, ein Muster zu erkennen, damit es sich verändert?
Erkennen ist der erste Schritt, aber selten ausreichend. Zwischen Bemerken und Veränderung liegt meist eine längere Phase, in der sich altes Verhalten und neuer, bewusster Blick abwechseln.
Welcher Kurs eignet sich besonders, um eigene Muster besser kennenzulernen?
Wir atmen und InnerGlow schaffen Raum für innere Beobachtung. SoulFlow und Mind|Body|Pilates machen Muster über den Körper sichtbar.
Wenn du unsicher bist, welcher Weg gerade zu dir passt, buche gerne ein kostenloses, unverbindliches Kennenlerngespräch buchen, oder schaue direkt in unsere Kursübersicht.
Von Herzen
Kathi




